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  • Das Münchner Kindl braut (bald) wieder - Zu Besuch auf Münchens spannendster Baustelle

    München bekommt Zuwachs. Einen, der tief in der Stadtgeschichte verwurzelt ist. Der Wiederaufbau der Münchner Kindl Brauerei ist mehr als ein Bauprojekt. Es ist ein Statement für Münchens Bierkultur. Betritt man die Baustelle der neuen Münchner Kindl Brauerei an der Tegernseer Landstraße im Stadtteil Obergiesing-Fasangarten, merkt man sofort: Da hat jemand eine Vision. Und zwar eine ganz große. "Jemand", das ist der Traunsteiner Unternehmer Dieter Sailer, Brauer in fünfter Generation. Gemeinsam mit seinen beiden Söhnen verwirklicht er hier, man kann es nicht anders sagen, einen Traum. Auf rund 4.100 Quadratmetern Fläche entsteht ein Brauerei-Betrieb, der das traditionelle Handwerk mit moderner Technik und Nachhaltigkeit verbindet. Der Neubau wurde im Stil einer romanischen Basilika angelegt - mit einem Mittelschiff und zwei flankierenden Seitenschiffen. Auch die großen Rundbogenfenster erinnern an diese ursprünglich im Kirchenbau verwendete Architekturform. Rückbesinnung auf Baustil der Gründerzeit Mit dem Neubau im Stil einer dreischiffigen Basilika, eigentlich eine für die Romanik typische Kirchenarchitektur, knüpft die Brauerei an den Historismus an. Ein Baustil, der vor allem in der Gründerzeit des 19. Jahrhunderts beliebt war. "Wir haben diese Form bewusst gewählt, um eine Ästhetik herzustellen, die durch ihre Einfachheit und klare Strukturen Ruhe für das Auge schafft" erklärt Sailer. Durch den rotbraunen Sichtziegelbau, der die Fassade schmückt, erinnert das Gebäude an die Allerheiligen Hofkirche oder St. Bonifaz. "Zählt man noch die Schrannenhalle am Viktualienmarkt dazu, die ebenfalls diesem Bautypus entspricht, haben wir Münchens vierte Basilika, obgleich profaner Natur", witzelt Sailer. Zudem wählte das Architekturbüro Oliver Trump aus München, zu dessen Portfolio unter anderem auch der Neubau des Marstall Festzelts auf dem Oktoberfest gehört, als Grundmaterial Beton, Glas und Stahl. Dies lässt den Neubau nicht nur nostalgisch, sondern funktional, klar und modern wirken. Barrierefrei, gläsern - und nachhaltig Von Anfang an wurde die neue Münchner Kindl Brauerei, deren Grundsteinlegung am 12. August 2022 stattfand, barrierefrei geplant. Ein gläserner Fahrstuhl verbindet die insgesamt vier Geschosse, in denen zwei davon unterirdisch verlaufen, miteinander. "Uns soll jeder besuchen können, egal ob mit Rollstuhl, oder ohne" sagt Sailer. Inklusion mitzudenken ist bewusst Teil des Gesamtkonzepts. Dazu gehört auch die Idee der "Gläsernen Brauerei". Besucherinnen und Besucher werden künftig nicht nur die Möglichkeit haben, die Brauerei selbstständig zu jeder Tages- und Nachtzeit zu besichtigen, sondern auch alle Schritte des Brauprozesses Dank der unzähligen Glasfenster mitverfolgen können. Schreibt Inklusion groß: Brauer und Bauherr Dieter Sailer. Ebenso wichtig wie Transparenz ist dem Bauherr Nachhaltigkeit: So wird das Gebäude nach dem sogenannten KfW-40-Standart realisiert, was höchste Energieeffizienz garantieren soll. Eine Photovoltaikanlage soll den Großteil des Strombedarfs abdecken, und die durch den Brauprozess gewonnene Energie in die Heizung eingespeist werden. Die größte Herausforderung: Das Münchner Quellwasser Zunächst hatte man beim Bau jedoch eine ganz entscheidende Hürde zu nehmen: Denn eine echte Münchner Brauerei muss nicht nur innerhalb der Münchner Stadtgrenze ansässig sein, sondern auch echtes Münchner Quellwasser zum Brauen nutzen. An das Wasser heranzukommen war jedoch nicht leicht. Man musste tief bohren. Sehr, sehr tief. Nun misst der Tiefbrunnen stolze 234 Meter - und macht die Münchner Kindl Brauerei damit "zur kleinsten Brauerei der Stadt, mit der längsten Wasserleitung" wie Sailer schmunzelnd kommentiert. Bis zuletzt hatte man um die tatsächlich Erschließung des Wassers gebangt; eine emotionale Achterbahnfahrt für das Bauteam. Deshalb markiert nun ein Kruzifix symbolisch die Stelle, die die Brauerei mit dem Münchner Quellwasser verbindet. Hier sollen später einmal Besucher eigenhändig frisches Münchner Grundwasser zapfen und mit nach Hause nehmen können. Ein beindruckendes Denkmal für den Kampf um die wichtigste Zutat des Bieres. Und für Sailer "unser Allerheiligstes". Noch ist die Christusfigur mit einem Tuch bedeckt, um ihn vor Staub zu schützen. Unten sieht man die Stelle, an der einmal ein Zapfhahn angeschlossen sein wird - damit sich die Besucher frisches Münchner Quellwasser mit nach Hause nehmen können. Die Brautradition? Keine Kompromisse! Von Außen erst einmal gar nicht zu erwarten und für Besucher eine echte Überraschung: Der Großteil der Produktion verläuft komplett unterirdisch. Und das sogar verteilt auf mehreren Ebenen. Das ist nicht nur platzsparend, sondern vor allem temperaturstabil. Ganz im Sinne der traditionell in den Hang gebauten Lagerkeller. Zwei große Holzfässer, jeweils mit 4.300 Liter Fassungsvermögen, wurden bereits in so einem originalgetreuen Lagerkeller positioniert. Die Bierfässer sind aus Echtholz, für deren Herstellung extra eine Spezialfirma aus dem Raum Würzburg herangezogen wurde. Überhaupt spielt Holz für Sailer eine ganz wichtige Rolle. Ausgeliefert werden soll das Bier nämlich ebenfalls in echten Holzfässern, und zwar original mit Pferdegespann. Für die Herstellung der kleineren Bierfässer konnte ein Münchner Original gewonnen werden: die Fassfabrik Schmidt, die einzige Firma, die in München überhaupt noch Fässer herstellt (vielen bekannt durch den Schäfflertanz). Gebraut wird ausschließlich untergäriges Bier: Helles und Dunkles. Weißbier und alkoholfreies Bier wird es nicht geben. Auch das ist eine bewusste Rückbesinnung: "Die Münchner Kindl Brauerei war historisch immer für ihre untergärigen Biere bekannt. Da machen wir keine Kompromisse" sagt Sailer. Neben dem Ausliefern durch traditionelle Pferdegespanne wird es das Bier selbstverständlich auch in Flaschen zu kaufen geben. Die Flaschenabfüllung wird jedoch extern geschehen. Ein Highlight: Der Blick in den Pferdestall Das Gesamtkonzept geht jedoch weit über das Brauen hinaus. Neben der "Gläsernen Brauerei" soll es einen großen Gastraum, eine Getränkemarkt und einen Biergarten geben. Ein echtes Highlight erwartet die Besucher beim Betreten des Gastraums: Von dort aus wird man direkt in den Pferdestall blicken können. Auch sollen regelmäßig Führungen durch die Brauerei stattfinden, zudem können die Besucher die Brauerei auf eigene Faust anhand von QR Codes erkunden. "Das Ganze soll an mehreren Stationen stattfinden, man fängt quasi im Verkaufsraum mit der ersten Station an, scannt dort mit dem Mobiltelefon einen Code, und kann sich dann durch die Brauerei weiter durcharbeiten." Ebenso sollen im sogenannten "Klassenzimmer" Workshops angeboten werden, etwa zur Bierherstellung, aber auch zu Kulinarik oder anderen thematisch passenden Themen. Der Blick in die große Halle. Sailer plant, bereits im Sommer 2027 das erste Bier brauen zu können. Ein echtes Pferdegespann - hier exemplarisch ausgestellt - soll einmal das Münchner Kindl Bier an die Wirtshäuser ausliefern. Eröffnung bereits 2027 geplant Zu den Kosten des Bauprojekts hält sich Sailer bedeckt: "Das kann man erstens noch nicht genau sagen, wieviel es am Ende wird. Und zweitens werden Sie den Kopf schütteln, wenn man bedenkt, wie die Rendite am Ende im Vergleich sein wird" sagt er schmunzelnd. Hier spürt man: die Brauerei ist sein Baby, ein echtes Liebhaber-Projekt, indem Sailer seine persönliche Vision einer familiengeführten Münchner Brauerei mit Herz und Verstand verwirklichen möchte. Auf die Frage, wann das erste Bier gebraut und über den Tresen des Gastraums gehen wird, antwortet er sofort: "In einem Jahr sind wir soweit." Bis dahin muss man sich gedulden - die Vorfreude wächst jedenfalls Tag für Tag. Instagram: @muenchner.kindl Website: Münchner Kindl Brauerei Während einer Führung durch die Baustelle hatte ich die große Ehre, einen exklusiven Blick in den Neubau der Brauerei werfen zu dürfen. Die Geschichte der Münchner Kindl Brauerei Die „Brauerei zum Münchner Kindl“ wurde im Jahr 1880 in Haidhausen am Rosenheimer Berg gegründet. Man wählte diese Lage, da man so die Bierkeller in den Berg hineinbauen konnte und das Bier kalt blieb. 100 Jahre später wurde der Münchner Kindl Keller abgerissen und durch das Einkaufszentrum Motorama ersetzt. Dietrich Sailer baut die Münchner Kindl Brauerei nun mit seinen Söhnen Leo und Luis - Bierbrauer in 6. Generation - wieder auf. (Quelle: Münchner Kindl Brauerei) Die Namensrechte hält Sailer seit 2015. Im Jahr 2020 stellt Haderner Bräu einen Doppelbock im Auftrag der Münchner Kindl Brauerei her - der erste Sud seit 115 Jahren. Mehr Informationen auf der Website der Münchner Kindl Brauerei. Instagram: Münchner Kindl Brauerei (@muenchner.kindl) • Instagram-Fotos und -Videos Wissenswertes zur den Münchner Brauereien München ist bislang bekannt für seine „großen Sechs“ Brauereien: Augustiner-Bräu Hacker-Pschorr Hofbräu München Löwenbräu Paulaner Spatenbräu mit Giesinger Bräu ist in den letzten Jahren bereits eine spannende Ergänzung hinzugekommen. Die wiederbelebte Münchner Kindl Brauerei wird damit die achte Münchner Brauerei sein.

  • "Mich selbst im Gepäck" - mit dem Rucksack durch Deutschland

    So ist es häufig mit Blogs - am Anfang steht der riesen Enthusiasmus, regelmäßig zu posten. Doch dann "kommt das Leben dazwischen", man wird an anderer Stelle gebraucht, und schon ist ein ganzes Jahr vergangen, ohne auch nur einen einzigen Satz zu Papier gebracht zu haben. Genauso ging es mir 2025. Ich hatte so viele Ideen, für neue Projekte, neue Stories - und habe trotzdem nichts veröffentlicht. Ohne allzu sehr in mein Privatleben abzuschweifen, war es ein sehr aufreibendes, turbulentes Jahr, das mich nicht nur als Solo-Selbstständige, sondern auch allgemein sehr gefordert hat. Um Luft zu holen, neue Kraft zu sammeln und frische Inspiration zu gewinnen, habe ich Anfang dieses Jahres (2026) dann etwas gemacht, was ich schon lange einmal machen wollte: Ich habe mir den Rucksack umgeschnallt und bin knapp vier Wochen durch Deutschland getourt. Mit der Bahn (dem Deutschlandticket sei Dank) und zu Fuß. Ohne feste Route. Ohne Plan. Ohne zeitliche Begrenzung. Dafür mit einer ordentlichen Portion Freiheit. Und dem Motto: " Kirchen und Klöster, Natur und Kultur ". Kirchen und Klöster sind für mich Orte, die mich schon sehr lange faszinieren. Nicht umsonst habe ich vor einiger Zeit die Kirchenführerausbildung bei der Katholischen Erwachsenenbildung München Freising (KEB) begonnen. Die Geschichte hinter ihrer Entstehung, die Baukunst des Mittelalters, die damit verwobenen Schicksale, das Ringen um Macht, die Ästhetik der Gebäude. All das zieht mich in ihren Bann. Was ich in diesen Wochen alles erlebt habe, lässt sich schwer in Worte fassen. Es war einfach nur schön. Das mag jetzt für manche wie eine Floskel klingen, doch habe ich mich noch nie so lebendig und "bei mir" gefühlt, wie in dieser Zeit. Losgestartet bin ich in Erfurt, dann ging's weiter über Eisenach, Naumburg, Dresden, Meißen, die Sächsische Schweiz, Görlitz und Ostritz (mit vier Nächten Aufenthalt in einem Zisterzienserinnen-Kloster, eine sehr interessante Erfahrung), ganz kurzer Stop in Berlin, dann quer rüber nach Köln, Bonn, Aachen, Maria Laach, Mainz, Worms und schließlich Speyer. Die fantastischen Kirchen und Klosteranlagen, die Städte selbst und die wunderbaren Menschen, die mir dort begegnet sind, waren alle für sich genommen einzigartig. Mit Hilfe der App "Journi" habe ich täglich Reisetagebuch geführt und alle meine Stationen festgehalten (solltet ihr selbst eine ähnliche Reise planen und Inspiration brauchen, schreibt mich gern an, dann teile ich meine Inhalte per App gern mit euch). Eins ist mir in dieser Zeit einmal mehr bewusst geworden: Ich bin genau auf meinem Weg. Genau dort, wo ich sein will. Trotz oder gerade wegen der Herausforderungen, die eine (Solo-)Selbstständigkeit mit sich bringt. Okay, vielleicht muss es nicht mehr "solo" sein, wir werden sehen. Aber immer "mit mir im Gepäck".

  • Hilfe, erst Wiesn, dann Weihnachten!

    Zum Glück gibt's die Kirchweihdult dazwischen Geht es Ihnen auch so? Kaum ist die Wiesn vorbei, ist schon wieder Weihnachten. Okay, nur fast, aber geben Sie es zu: beim Anblick von Lebkuchen, Spekulatius und Nikoläusen im Supermarktregal kann schon das Gefühl aufkommen, man müsse sich bald ernsthaft Gedanken um Geschenke und das Weihnachtsessen machen. Und dabei ist die Wiesn doch eben erst zu Ende gegangen! Für uns Gästeführer ist der irre schnell heraneilende Advent Stress pur, weil Hochsaison, denn spätestens wenn die Weihnachtsmärkte in der Stadt starten, gibt es kein Halten mehr. Dann strömen ähnlich viele Touristen nach München wie zu Oktoberfestzeiten und es werden ähnlich viele Führungen gehalten (bloß halt "in kalt", und die Gäste sind eher vom Glühwein berauscht als vom Bier, was sich aber durchaus positiv auf die Führungen auswirken kann, so viel sei verraten :-) Was immer sehr schön ist zwischen Wiesn und Weihnachtsmarkt - und für mich ein persönliches Highlight darstellt - ist die immer im Oktober stattfindende Kirchweihdult auf dem Mariahilfplatz im Stadtteil Au. Die Kirchweihdult ist für mich nicht nur die schönste der drei Auer Dulten , für mich ist das Erlebnis Auer Dult generell auch eins der gemütlichsten und auch "klassischsten" aller in München stattfindenden Märkte und Volksfeste. Was ich besonders mag, ist, dass um mich herum vermehrt Bayerisch oder echtes "Münchnerisch" gesprochen wird (was wie Musik in meinen Ohren klingt, auch, weil ich selbst des Dialekts leider nicht mächtig bin). Und auch hier kommen einige BesucherInnen in Tracht, auch hier fahren die Kinder vergnügt Karussell, auch hier werden gebrannte Mandeln und Bratwurst gegessen - und doch ist hier das "München-Gefühl" nochmal eine Spur intensiver. Und auch wir Guides dürfen uns dann endlich einmal ganz in Ruhe, wenn wir nicht gerade auf der Dult führen (dabei seien Ihnen die Dult-Führungen von München Tourismus sehr ans Herz gelegt!), durch die Standl treiben lassen und einfach nur schauen, statt reden. Ich persönlich habe im Laufe der Jahre einen besonderen Faible für die Antiquitäten entwickelt. Früher war ich kein Fan davon, mir war es immer etwas unangenehm, einen vielleicht einmal einst sehr liebgewonnenen, persönlichen Gegenstand anderer Menschen in den Händen zu halten, doch siehe da: hochkonzentriert stöbere auch ich nun in den alten Büchern und Ansichtskarten von und über München, schaue mir Plakate um 1900 an (eine meiner Lieblingsepochen) oder sehe nach, ob ich nicht doch ein schönes Art Déco Schmuckstück finde, oder gar ein hübsches Zuckerdöschen aus der "guten alten Zeit". Ja, ich habe auf der Dult eine neue Sammel-Leidenschaft entwickelt (was sich natürlich wahnsinnig gut mit meinem eher skandinavisch-minimalistisch geprägten Wohnstil verträgt). Wenn dann auch noch die Sonne zu weiß-blauem Himmel strahlt, so wie in diesem Jahr, und ich mit einer frisch gebackenen Waffel, heißen Kirschen und einem warm dampfenden Kakao oder Tee auf die fröhliche Menschenmenge blicke, hach, dann geht mir das Herz auf! In diesem Sinne: lassen Sie sich nicht von der bevorstehenden Adventszeit stressen. Weihnachten steht schließlich noch nicht (ganz) vor der Tür! ;-) Alle Infos zur Dult und die Termine 2025 gibt's unter  www.auerdult.de

  • Die neue Archäologische Staatssammlung

    Archäologie trifft edles Design Auf diese Wiedereröffnung hat die Münchner Museumsszene gespannt gewartet: nach rund acht Jahren Sanierungsarbeiten lädt die Archäologische Staatssammlung München im frischen Look zu einer Entdeckungstour durch bedeutende Grabungsschätze ein. Die neue Ausstellungsfläche überrascht mit Großzügigkeit und elegantem Design. Zugegeben: ich war nie ein großer Fan archäologischer Fundstücke. Obwohl ich Geschichte liebe und Ausgrabungen wie etwa in Pompeij faszinierend finde, rufen endlos aneinandergereihte Glasvitrinen mit antiken Exponaten bei mir normalerweise wenig Begeisterung hervor. Zumindest bisher. AUFSCHLUSS ÜBER DEN MENSCHEN - DAMALS WIE HEUTE Dass ich mit dieser Haltung sehr viel verpasst habe, wird mir beim Besuch der neu- bzw. wiedereröffneten Archäologischen Sammlung München klar: die dort äußerst stilvoll präsentierten Ausstellungsstücke geben Aufschluss darüber, wie die Menschen damals (das „damals“ unterteilt sich hier in mehrere Abteilungen: Vorgeschichte, Römerzeit, Mittelalter und Neuzeit, bzw. in die Mittelmeersammlung und die Numismatik, was "Münzkunde" bezeichnet) fühlten, an was sie glaubten, welchen Blick sie auf das Leben hatten und was ihnen wichtig war, was wiederum - und das finde ich an dieser Stelle wichtig zu erwähnen - erstaunliche Erkenntnisse darüber liefert, wie und warum wir, die wir heute leben, unser Denken, Handeln und Fühlen über die Jahrtausende hinweg entwickelt und teils an die jeweiligen Lebensumstände angepasst haben oder anpassen mussten. Archäologie quasi als Sprung zurück in die Zukunft, oder auch als "Zugang in eine andere Welt", wie es die Sammlung selbst beschreibt. STOLZE 15.000 EXPONATE - DOCH DIE RÄUME ATMEN Allerdings komme ich auch hier zunächst nicht um Exponate in Glasvitrinen herum. Diese haben jedoch bei weitem nichts mehr mit jenen verstaubten Kästen zu tun, die mir von früher in Erinnerung geblieben sind. Das liegt vor allem an der gut strukturierten Präsentation der Stücke: Über 20 Millionen Objekte beherbergt die Sammlung insgesamt, davon sind aktuell rund 15.000 ausgestellt. Das ist eine ganze Menge, doch nimmt man die Zahl nicht bewusst wahr: die Räume können trotz der Vielzahl an Vitrinen atmen, jedes Exponat hat Platz für sich und ist noch dazu gut ausgeleuchtet, was die Tatsache wett macht, dass nur selten Tageslicht in das Gebäude dringt, doch wenn es das tut, dann geschieht dies gezielt, was insgesamt für eine warme und freundliche Atmosphäre sorgt. FOKUS AUF BAYERISCHE SCHÄTZE Die Sammlung präsentiert überwiegend Funde, die bei Grabungen auf Bayerischem Boden entdeckt wurden. Dabei liegt der Schwerpunkt, so die Beschreibung des Museums, auf „Kunst- und Alltagsobjekten, Grabbeigaben und Schatzfunden.“ Zu den Highlights zählen dabei ein 3.000 Jahre alter „Einbaum“ von der Roseninsel im Starnberger See, die Moorleiche aus der Gegend von Peiting im Landkreis Weilheim-Schongau und ein fast vollständig erhaltener hölzerner Brunnenschacht vom Münchner Marienhof. Wer mag, kann zwischen den Führungsrouten "Münchner Schmankerl“, präsentiert von der Kabarettistin Luise Kinseher, oder den „Highlights“ des Museums wählen, und sich per App mit mit dem Smartphone durch die Sammlung führen lassen. NEUE FORMEN, EDLES DESIGN Nun bin ich am heutigen Tag nicht (nur) ins Museum gekommen, um nach meinem Besuch eine wissenschaftliche Abhandlung zum Thema archäologische Funde in Bayern zu schreiben ;) Vielmehr bin ich neugierig darauf, wie das Museum insgesamt auf mich wirkt, und ob es die Sammlung tatsächlich schafft, einen „Archäologie-Muffel“ wie mich für sich zu begeistern. Um die Antwort vorweg zu nehmen: Ja, sie tut es. Vor allem die bereits erwähnte architektonische Gestaltung hat es mir – innen wie außen - angetan: so schuf das in Madrid und Berlin ansässige Architekturbüro Nieto Sobejano Arquitectos einen für München einzigartigen, unterirdischen Neubau, der auf 600 Quadratmeter Platz für Sonderausstellungen bieten soll (die erste Sonderausstellung ist laut Website für November 2024 geplant, weshalb dieser Raum aktuell leider noch nicht besichtigt werden kann, doch die nachfolgende Abbildung unten rechts lässt die beeindruckende Dimension dieses Raums erahnen). Was zudem ins Auge sticht, ist die markante, bronzefarbene Außenfassade aus „Cortenstahl“, die noch vom Ursprungsbau der 70er Jahre (Architektenbüro Werz, Ottow, Bachmann und Marx, damals noch unter dem Namen "Prähistorische Staatssammlung") stammt, doch nun in ganz neuem Glanz erstrahlt. Auch der Eingangsbereich wurde durch einen neuen Gebäude-Kubus erweitert und bietet unter anderem Platz für ein Museumscafé. Die Neugestaltung der Innenräume verantwortet das Atelier Brückner aus Stuttgart: mit einem Spiel aus Hell und Dunkel (mich persönlich erinnert dieser Kontrast daran, die wertvollen Funde von der Dunkelheit ins Licht zu holen), großzügiger Raumgestaltung mit viel Glas, meist umrahmt von schwarzem Stahl, erdigen Holzelementen und fabelhaftem Lichtdesign, ist ein zeitgemäßer, frischer Look entstanden, der Architektur-Fans mit Sicherheit auf seine Seite zieht. Besonders hervorzuheben ist ein Ausstellungsraum, in dem der Besucher über einzelne Glasplatten hinweg läuft und die Stücke auf diese Weise von oben herab betrachten kann – eine tolle Abwechslung zu den „herkömmlichen" Glaskästen“ ;) Überhaupt sorgt die Sammlung für Abwechslung. So wurde die Dauerausstellung neu gegliedert: statt einer meist typischen, chronologisch-sortierten Reihenfolge wurden die Exponate im ersten Obergeschoss nach Themen wie Wohnen, Ernährung, Werte, Identität oder Glauben geordnet. Außerdem sorgen Comics des Münchner Künstlers Frank Schmolke für Farbtupfer in den sonst eher grau-weiß- schwarz-beige gehaltenen Räumlichkeiten. Die Zeichnungen Schmolkes zeigen Alltagsszenen der Menschen aus der damaligen Zeit (wie etwa einen Kampf, einem Ritual oder beim gemeinsamen Speisen), die so für den Besucher sehr lebendig wirken. Ein schönes „Extra“, nicht nur für junge Archäologie-Liebhaber. GEHEIMTIPP: DIE DACHTERRASSE Besonders ist der Besuch sonntags zu empfehlen, da der Eintritt hier bei nur einem Euro liegt (eine Besonderheit vieler Münchner Museen, die ich besonders schätze, da Kultur so für alle zugänglich gemacht wird). Zudem sind Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren frei. Alle Ebenen sind dazu barrierefrei. Öffentliche Führungen durch die Sammlung bietet die Münchner Volkshochschule jeden Sonntag um 14 Uhr an, Führungen für geschlossene Gruppen können direkt mit dem Museum vereinbart werden. Bei schönem Wetter kann man übrigens auch auf der wunderschönen Dachterrasse des Museumscafés einen Sprizz in der Sonne trinken und den Blick auf den Englischen Garten genießen. Ein echter Geheimtipp! Archäologische Staatssammlung (archaeologie.bayern) Museumscafé sola.bar Fotos: Christine Lehner (mit freundlicher Genehmigung der Archäologischen Sammlung München) // Foto des Raumes "Sonderausstellung" von Stefanie Friedrich (ASM)

  • Das Bayerische Nationalmuseum

    Warum sich ein Ausflug dorthin gerade jetzt lohnt. Ein Plädoyer. Das Bayerische Nationalmuseum ist den meisten Münchnerinnen und Münchnern sicher wegen seiner berühmten Krippensammlung im Untergeschoss bekannt. Dass das Haus in der Prinzregentenstraße in unmittelbarer Nähe zu P1 und Eisbachwelle weitaus mehr zu bieten hat - und eine kunstbegeisterte Gästeführerin wie mich aktuell in Ekstase versetzt - darüber handelt der folgende Beitrag. Ehrlich gesagt lässt sich gar nicht so leicht in Worte fassen, was mich am Bayerischen Nationalmuseum (BNM) genau fasziniert. In der Krippensammlung ist es eindeutig die Atmosphäre. Dieses plötzliche Eintauchen in eine andere Welt, in das schummrige Licht der Räume und die kleinen und großen Schaukästen, die so ausgeleuchtet sind, dass man sich in die Szenerie förmlich „hineingezogen“ fühlt. Und dann natürlich die liebevoll gestalteten Figuren, manche ganz klein und zierlich-schön, manche größer, feurig und schaurig, mal überdimensioniert, mal winzig, manchmal in purer Emotion aufgehend, andere dagegen wieder in scheinbarer Gleichgültigkeit erstarrt. Faszinierend, spannend, beruhigend und aufregend zugleich. Während ich diese Zeilen schreibe, wird mir bewusst: das Gefühl, welches ich beim Besuch der Krippensammlung habe, ähnelt ziemlich genau dem, welches ich beim Rundgang durch das Haus in seiner Gesamtheit verspüre. Ich habe also doch Worte gefunden. Aber nochmal der Reihe nach. DIE STUDIOAUSSTELLUNG - EIN RÄTSEL IM RÄTSEL Es ist Karfreitag und ich habe ausnahmsweise frei. Endlich nehme ich mir die Zeit, das Bayerische Nationalmuseum zu besuchen. Als Münchner Gästeführerin eigentlich ein regelmäßiges Muss, da es hier Kunstschätze zu bestaunen gibt, die für die Bayerische und auch Münchner Geschichte von immenser Wichtigkeit sind. Nicht zuletzt aufgrund der bedeutenden Sammlung der Wittelsbacher, die den Grundstock des Museums bildet. Doch wie wieder Zugang zu einem Haus bekommen, dass auf 13.000 m² in einer schier endlosen Zahl an Räumen Werke „von der Spätantike bis Jugendstil“ präsentiert? Ich entscheide mich dafür, heute als aller erstes die neue Studioausstellung zu besuchen, für die das Museum aktuell wirbt. Passend zur Osterzeit trägt sie den Titel Goldene Passion - Georg Petel und das Rätsel seiner Kreuzigungsgruppe. Das Thema klingt für mich als an Kirchengeschichte interessierte Person sehr spannend, wird für mich aber anfangs selbst zum „Rätsel im Rätsel“, da ich zunächst etwas Mühe habe, die Ausstellung zu erschließen. WAS MICH FASZINIERT? EINFACH ALLES! So wie ich den - in meinen Augen - doch recht kompliziert geschriebenen Begleittext verstehe, handelt es sich bei den drei ausgestellten, golden glänzenden Figuren zum einen um Christus am Kreuz, zum anderen um zwei „Schächer“, also Männer, die mit Jesus gekreuzigt wurden. Weiter erfahre ich: die beiden Schächer gehören eigentlich zum Bestand des Bode Museum in Berlin und wurden dort auch ausgestellt – nur die Christusfigur in der Mitte glaubte man lange Zeit verschollen. Zumindest bis zu dem Moment, als ein findiger Kunstexperte des Bayerischen Nationalmuseums auf die Idee kam, nach dem fehlenden Christus doch einmal im reichen Fundus des BNMs zu suchen. Und siehe da: ein hochkompliziertes, computergestütztes Analyseverfahren bewies: Ja, die Christusfigur aus dem Münchner Depot ist tatsächlich DER fehlende Jesus der Kreuzigungsgruppe ! Nun also werden die glänzenden und überaus prachtvoll gefertigten Stücke gemeinsam als wieder vereintes Trio noch bis Ende Juni hier in München zu sehen sein, bevor sie dann zu dritt nach Berlin wandern, um sich dem dortigen Publikum zu präsentieren. So weit, so gut. Doch was daran ist so faszinierend ? Wenn Sie mich fragen: einfach ALLES ! EINE SENSATION IN VIELERLEI HINSICHT Erstens: Es ist eine Kriminalgeschichte mit Happy End, wie man sie aus dem Kino kennt: ein berühmtes Kunstwerk verschwindet, gilt jahrelang als verschollen und taucht plötzlich in irgendeinem Speicher wieder auf. Allein das schon eine Sensation. Zweitens: bei dem Kunstwerk handelt es sich um das Werk einer der ersten Barockbildhauer in Deutschland überhaupt, der noch dazu aus Bayern stammt. Der (mir zumindest bis dato völlig unbekannte) Georg Petel (geboren 1601/02) kam nämlich aus Weilheim, ließ sich dort und in München als Bildhauer ausbilden und machte sich im Alter von gerade mal 20 Jahren auf die damals nicht ganz ungefährliche Wanderschaft nach Antwerpen, wo er unter anderem Bekanntschaft mit Peter Paul Rubens machte, dem wiederum vielleicht bekanntesten Barockmaler überhaupt (Anm.: Rubens Werke hängen heute unter anderem in der Alten Pinakothek). Vom Schaffen Rubens inspiriert, reiste der junge Petel anschließend über Frankreich nach Italien, wo er auch mit Werken Michelangelos in Berührung kam (Anm.: Michelangelo, 1475-1564, schuf unter anderem das berühmte Deckenfresko Erschaffung Adams in der sixtinischen Kapelle, Vatikan). Und drittens - und das finde ich ebenfalls sensationell: in Rom lernte Petel auch noch den fast gleichaltrigen, flämischen Barockmaler Anthonis van Dyck kennen (kunstinteressierte Münchnerinnen und Münchner erinnern sich vielleicht noch an die Van Dyck Ausstellung in der Alten Pinakothek im Jahr 2019) und ließ sich von diesem portraitieren. Auch dieses Bild ist als Leihgabe der Pinakothek in der Studioausstellung zu sehen. Der junge Georg Petel aus Weilheim (später wohnhaft in Augsburg) wird angeblich bereits im 18. Jahrhundert sogar als „Deutscher Michelangelo“ gefeiert. Wow! Was für eine geniale Geschichte! BEEINDRUCKEND - TROTZ FEHLENDEM ROTEN FADEN Leider versteht man die Zusammenhänge erst, wenn man sich wirklich Zeit nimmt und sich fast schon auf Knien von Objektbeschreibung zu Objektbeschreibung hangelt. Das ist mühsam. Das BNM schafft es meiner Ansicht nach nicht wirklich, diese großartige Studioausstellung so zu präsentieren, wie ich es mir persönlich gewünscht hätte: leicht verständlich, anschaulich und das wichtigste deutlich hervorgehoben. Auch die anderen großartigen Meisterwerke Petels (wie etwa das "Kruzifixus" aus Elfenbein, das Petel in sehr jungen Jahren schuf und mit dem er zu einem der führenden europäischen Elfenbeinschnitzer wurde, siehe Foto unten rechts) gehen etwas unter, ein roter Faden ist in der Studioausstellung nicht richtig erkennbar (allein schon den Begriff „Studioausstellung“ finde ich sperrig). So wie mir geht es leider auch einem älteren, sehr kunstinteressierten Ehepaar, das nur für die Ausstellung gekommen ist. Die beiden mutmaßen und rätseln, machen sich selbst einen Reim und nehmen sich eben nicht die Zeit, sich alle Beschreibungen durchzulesen. Schade. Und dennoch beeindruckt mich die Ausstellung außerordentlich. EIN BESUCH ? IMMER UND JEDERZEIT ! Nun fällt mir spontan auch keine Lösung ein, wie man den "Deutschen Michelangelo" vielleicht besser hätte vermarkten können und natürlich möchte der Beitrag keinesfalls PR-Bashing betreiben, im Gegenteil: ich möchte an dieser Stelle bewusst dazu aufrufen, die Studioausstellung und das Bayerische Nationalmuseum trotzdem und unbedingt zu besuchen!! Und zwar am besten noch heute, spätestens morgen, in jedem Fall zu jeder sich bietenden Gelegenheit ! Denn neben der wirklich fantastischen Goldene Passion, die noch bis Juni dieses Jahres zu sehen ist, lohnt vor allem auch ein Besuch der Dauerausstellung, mit weiteren zahlreichen, absolut sehenswerten Schätzen. Ja, dafür muss man ordentlich Zeit mitbringen. Aber es lohnt sich! Am heutigen Karfreitag schaffe ich es leider nicht mehr, mich auf die weiteren Räume zu fokussieren, doch Dank des gut aufbereiteten Audioguides gelingt es mir, mir einen kleinen Überblick über die Highlights der Sammlung zu verschaffen. EINE BEHAARTE MARIA MAGDALENA Am meisten fasziniert mich die in der Abteilung „Gotik“ ausgestellte, fast lebensgroße Figur der Maria Magdalena von Tilmann Riemenschneider (Titel Entrückung der Hl. Maria Magdalena, 1490/92). Diese wird komplett behaart dargestellt, etwas, was ich so noch nie in der Verkörperung der Maria Magdalena gesehen habe. Der Beschreibung nach hat sie mehrere Jahre in der Einöde verbracht um Buße zu tun. Durch "göttliche Fügung" wuchs ihr dann ein Haarkleid, das ihre Nacktheit verhüllen sollte. Meiner Meinung nach fehlte es ihr in der Wüste einfach an passenden Utensilien. Spannend und skurril zugleich. Und dann natürlich der "Klassiker" für jeden Gästeführer: das Sandtnersche Stadtmodell Münchens (1570), ein erstaunlich exaktes Abbild der Stadt im Mittelalter. Oder das wunderbare feine und fast schon zum Besucher sprechende Porzellan der Commedia dell’Arte von Franz Anton Bustelli. Oder die zahlreichen original Garderoben aus der Renaissance, sämtliche Portraits bedeutender Wittelsbacher, deren hauseigenes Hof-Porzellan und -Besteck sowie andere privaten Gegenstände, oder auch die Möbel des großen Reformers Montgelas. Nach knapp fünf Stunden Museumsrundgang bin ich völlig erschöpft und der Ohnmacht nahe, dafür aber völlig erfüllt und glücklich. Ich nehme mir vor, mich bald einmal selbst einer Führung durch das Haus anzuschließen, um noch mehr Details über die Schätze zu erfahren. Zur Feier des Tages gönne ich mir aber noch schnell eine Tasse Tee und ein Stück Apfelkuchen im angeschlossenen Museumskaffee. Angesichts meiner sichtlichen Erschöpfung und weil Ostern kurz bevorsteht, reicht mir der nette Kellner spontan einen alkoholfreien Secco. Auch das: einfach sensationell - und ohne viel Aufsehen :) Bayerisches Nationalmuseum Programm Fotos: Christine Lehner (mit freundlicher Genehmigung des Bayerischen Nationalmuseums) // Renaissance-Kleid: Bayerisches Nationalmuseum, Bastian Krack. Die „Goldene Passion – Georg Petel und das Rätsel seiner Kreuzigungsgruppe“ läuft noch bis 30. Juni 2024, danach ist die Gruppe in der Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst, Staatliche Museen zu Berlin, zu sehen (Laufzeit dort: 19. 07.–20.10.2024).

  • Volkstheater und "Schmock"

    Wohltat für Leib und Seele Wer einmal einen richtig entspannten Theaterabend erleben möchte, dem empfehle ich einen Besuch im Volkstheater samt Abendessen im Restaurant Schmock. Ursprünglich am Stiglmaierplatz in der Maxvorstadt gelegen, warten beide seit Oktober 2021 mit einem wirklich sehenswerten Neubau im hippen Schlachthofviertel auf. Ein Muss für Architektur-Liebhaber und Fans mediterraner Levante-Küche. ENTSPANNUNG SCHON BEI DER ANFAHRT Bereits die Anreise verläuft easy: das Volkstheater beherbergt im Gegensatz zu seinem Vorgänger eine eigene Tiefgarage. Angesichts des Parkplatzmangels in München ein Traum. Die Stellplätze bieten genügend Platz, selbst für größere Fahrzeuge. Nur ein paar Treppenstufen nach oben, und man steht direkt im Theater-Foyer. Entspannter geht’s nicht. Das Theatergebäude selbst besticht innen durch einen luftigen Bau in kräftigen Blau- und Gelbtönen, außen durch seine hellrote Backsteinfassade, konzipiert vom Stuttgarter Architekturbüro LRO Lederer Ragnarsdóttier Oei. Kurioserweise fühle ich mich beim Betrachten der Fassade an ein Gemälde des amerikanischen Künstlers Edward Hopper erinnert. Vielleicht, weil das Gebäude, trotz seiner Größe, durch den einheitlichen, rötlichen Look der Ziegel sehr kompakt wird, ein bisschen so wie in Hoppers „Greenwich Village“, obgleich in mir beim Betrachten keine Leere, sondern ein Gefühl des zu Hause seins entsteht. ELEGANTE RÄUME, MEDITERRANES FLAIR Da wir unbedingt noch das letzte Fünkchen Tageslicht nutzen wollen, um Fotos von der rundgeschwungenen Fassade zu machen, betreten wir das „Schmock“ über die mediterran anmutende Terrasse – ansonsten wäre ein Zugang in das Restaurant auch direkt vom Theaterfoyer aus möglich gewesen. Weil der gesamte Abend als Hochzeitsgeschenk für meine Schwester und deren Mann gedacht ist, haben wir zu dritt einen Tisch im hinteren Restaurantbereich, quasi dem Hauptraum, reserviert und werden dort persönlich platziert. Der Raum wird nach hinten durch eine luftige Glasfront begrenzt, doch schafft der Saal aufgrund des gedämpften Lichts, den rot-braunen Wänden, des hölzernen Mobiliars und den sanft flackernden Kerzen (sehr stilvoll gestaltet von der Münchner Innenarchitektin Cosima von Wulffen) eine gemütliche Atmosphäre. Das Publikum ist bunt gemischt, sowohl Paare als auch kleinere Gruppen unterschiedlichen Alters haben Platz. LEVANTE-KÜCHE VOM FEINSTEN Die Karte bietet eine feine Auswahl israelisch-arabischer Gerichte. Wir entscheiden uns für einen Vorspeisenteller für drei, bestehend unter anderem aus Humus, Tabbouleh, Bulgur, Falafel und Baba Ghanousch und erfreuen uns an dem - wirklich delikaten, weil fluffig und warmen – gereichten Fladenbrot. Als Hauptgang wähle ich im Ofen geschmortes Lamm mit Gemüse und Süßkartoffel-Püree. Ebenso wie die Schokotarte zum Schluss ein Genuss, denn beides zergeht förmlich auf der Zunge. Dazu ein prickelnd-fruchtiges Getränk mit dem Namen „Spritz Haifa“ - und ich wähne mich im Kulinarik-Himmel. THEATER FAST WIE IM KINO Bestens gelaunt und gestärkt verlassen wir nach rund zwei Stunden Genuss das Schmock wieder in Richtung Theater, da die Vorstellung gleich beginnt. Schnell noch ein Schluck Wasser an der Bar (hier geht alles blitzschnell, kein großes Schlange stehen am Tresen) und wir nehmen auf unseren äußert bequemen Sesseln, gefühlt so gemütlich wie im Kino, im Großen Saal Platz. Auch das Stück, das wir uns für diesen Abend ausgesucht haben (Die verlorene Ehre der Katharina Blum) wirkt ein bisschen wie ein Kinofilm: Die Darsteller spielen die Erzählung von Heinrich Böll aus dem Jahr 1974 authentisch und emotional, immer wieder begleitet von mehreren Kameras, die die Mimik und Gestik hautnah auf großen Leinwänden übertragen und dadurch miterleben lassen, was uns als Zuschauer sehr fesselt. Uns überzeugen sowohl die Regie (das Stück wurde von Hausregisseur Philipp Arnold inszeniert) als auch die schauspielerische Leistung der Mitwirkenden. Und - Überraschung! - die angenehme Länge: nach nur knapp einer Stunde und dreißig Minuten (Spielfilmlänge) fällt der Vorhang wieder, das Publikum beginnt zunächst zögerlich zu klatschen, etwas unsicher, ob wir wirklich schon am Ende der Vorstellung angekommen sind (vor allem, weil es gerade so spannend ist!). Doch schnell verwandelt sich das anfängliche Zögern in kräftigen Schlussapplaus, den das Ensemble unserer Meinung nach absolut verdient hat. Beglückt von diesem rundum gelungenen Abend, der für Leib und Seele eine echte Wohltat war, treten wir glücklich die Heimfahrt an. Wie traumhaft entspannt und anregend zugleich so ein Abend doch sein kann. Münchner Volkstheater Restaurant Schmock Fotos: Christine Lehner // Daniel Schvarzc, Jessica Tovenrath (mit freundlicher Genehmigung des Restaurant Schmock) // Roland Halbe, Gabriela Neeb (mit freundlicher Genehmigung des Münchner Volkstheaters)

  • Damien Hirst @ MUCA

    The Weight of Things Dass das kleine aber feine Museum of Urban and Contemporary Art (MUCA) in München Werke internationaler Topstars wie Banksy, Kaws oder Barry McGee beheimatet, dürfte mittlerweile bekannt sein. Mit der im Oktober 2023 eröffneten Solo-Ausstellung The Weight of Things ist den MUCA-Gründern Stephanie und Christian Utz ein weiterer Coup gelungen: erstmals in Deutschland präsentieren sie die bekanntesten  - und stark polarisierenden - Werke des britischen Malers, Bildhauers und Installationskünstlers Damien Hirst, darunter auch den berühmten Diamantenschädel (Offizieller Titel: For the Love of God, Wert: rund 50 Millionen Pfund) und den in drei Teile geschnitten und in Formaldehyd konservierten Haifisch aus der Reihe Natural History. KILOMETERLANGE SCHLANGEN? FEHLANZEIGE! Betritt man das MUCA an einem verregneten Freitagnachmittag, so wird man durchaus überrascht: statt einer endlosen, auf Einlass drängelnden Besucherschlange trifft man auf etwa ein Dutzend Männer und Frauen mittleren Alters, die sich, genau wie ich, für eine geführte Tour durch die Ausstellung entschieden haben. An der Museumskasse sitzen zwei junge Damen, die dem (angesichts des millionenschweren Objektes eher unterbesetzt wirkenden) Aufsichtspersonal noch schnell ein paar Anweisungen zurufen. Schon geht’s los, die Gruppe wird in den „MUCA-Bunker“ geführt, ein an das Museum mehr oder weniger angegliederter Nebenraum, wo der weltberühmte, funkelnde Schädel hinter Schutzglas ausgestellt ist (Anm.: nur bis 28. Januar 2024). Erhellende Worte zu dem Meisterwerk mit den 8.601 glitzernden Steinen, ausreichend Gelegenheit für Fotos - und weiter geht‘s. Es beginnt der eigentliche rund 60 minütige Rundgang im Hauptgebäude des MUCA, zu den nicht weniger beeindruckenden Werken des Künstlers. KUSCHELIGE "SELBSTVERSTÄNDLICHKEIT" TRIFFT AUF UNBEHAGEN Das MUCA zeigt sich den Besuchern in Aufbau und Wirkung der Ausstellung (die Hirst übrigens selbst kuratiert hat!) völlig unprätentiös, keinesfalls gleichgültig, doch angesichts der Exponate von Weltrang fast schon „tiefenentspannt“. Das ist nicht unbedingt negativ: es entsteht ein Gefühl "kuscheliger Selbstverständlichkeit". Ja, in München ist man Kunst auf Weltniveau gewohnt, kuschelt gern mit ihr. Und dennoch hat genau diese wohlige Behaglichkeit auf mich persönlich einen irritierenden Effekt. Es ist schon fast zu kuschelig, zu heimisch, zu entspannt – trotz der teils verstörenden Werke Hirsts, die durchaus Unbehagen bereiten können. Ist das so gewollt? Vielleicht ist dieses "runde Gefühl" auch der Tatsache geschuldet, dass sich Hirst kleine Modellbauten des MUCA zu sich nach Hause hat schicken lassen, um die Hängung und Positionierung seiner Kunst en Detail zu planen, wie uns im Rundgang erklärt wird. Die Räume sind ideal konzipiert, die Kunst fügt sich perfekt ein, nichts ist dem Zufall überlassen. Und diese Harmonie spürt man. Schließlich passt das Gefühl des "Wohlfühlens" auch in das Konzept des Museums, das nicht als klassisches Museum, sondern laut Aussage der Gründer vielmehr als "Ort der Begegnung" gedacht ist. HIER IST ETWAS GROßES ENTSTANDEN Meine Gruppe ist jedenfalls begeistert von den Spot Paintings Hirsts, erschaudert vor dem konservierten Haupt einer Kuh (genau wie der Hai Teil der Serie Natural History) und erschrickt  angesichts der Masse an Zigaretten im überdimensionalen Aschenbecher, der den Titel Krematorium trägt. Ja, die Ausstellung bzw. die Werke selbst polarisieren, faszinieren und hypnotisieren zugleich, doch meine Gruppe ist sich an diesem Tag einig: hier ist etwas Großes entstanden. Ich selbst stehe sogar kurz davor, mir eine, für meinen Geschmack zwar etwas hochpreisige, dafür aber richtig stylische Stofftasche bedruckt mit dem Diamantenschädel zu kaufen. Denn eins möchte ich mir auf jeden Fall bewahren (wenn auch nicht in Formaldehyd): das Gefühl, dabei gewesen zu sein. Bei Damien Hirst und The Weight of Things, hier im MUCA. DIE AUSSTELLUNG LÄUFT NOCH BIS HERBST 2024 Mehr Informationen unter MUCA München - Museum of Urban and Contemporary Art Fotos: ©Christine Lehner mit freundlicher Genehmigung des MUCA.

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