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Das Münchner Kindl braut (bald) wieder - Zu Besuch auf Münchens spannendster Baustelle

  • Autorenbild: Christine Lehner
    Christine Lehner
  • 16. Apr.
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 4 Tagen

München bekommt Zuwachs. Einen, der tief in der Stadtgeschichte verwurzelt ist.

Der Wiederaufbau der Münchner Kindl Brauerei ist mehr als ein Bauprojekt. Es ist ein Statement für Münchens Bierkultur.


Betritt man die Baustelle der neuen Münchner Kindl Brauerei an der Tegernseer Landstraße im Stadtteil Obergiesing-Fasangarten, merkt man sofort: Da hat jemand eine Vision. Und zwar eine ganz große. "Jemand", das ist der Traunsteiner Unternehmer Dieter Sailer, Brauer in fünfter Generation. Gemeinsam mit seinen beiden Söhnen verwirklicht er hier, man kann es nicht anders sagen, einen Traum. Auf rund 4.100 Quadratmetern Fläche entsteht ein Brauerei-Betrieb, der das traditionelle Handwerk mit moderner Technik und Nachhaltigkeit verbindet.


Der Neubau wurde im Stil einer romanischen Basilika angelegt - mit einem Mittelschiff und zwei flankierenden Seitenschiffen. Auch die großen Rundbogenfenster erinnern an diese ursprünglich im Kirchenbau verwendete Architekturform.
Der Neubau wurde im Stil einer romanischen Basilika angelegt - mit einem Mittelschiff und zwei flankierenden Seitenschiffen. Auch die großen Rundbogenfenster erinnern an diese ursprünglich im Kirchenbau verwendete Architekturform.

Rückbesinnung auf Baustil der Gründerzeit


Mit dem Neubau im Stil einer dreischiffigen Basilika, eigentlich eine für die Romanik typische Kirchenarchitektur, knüpft die Brauerei an den Historismus an. Ein Baustil, der vor allem in der Gründerzeit des 19. Jahrhunderts beliebt war. "Wir haben diese Form bewusst gewählt, um eine Ästhetik herzustellen, die durch ihre Einfachheit und klare Strukturen Ruhe für das Auge schafft" erklärt Sailer.


Durch den rotbraunen Sichtziegelbau, der die Fassade schmückt, erinnert das Gebäude an die Allerheiligen Hofkirche oder St. Bonifaz. "Zählt man noch die Schrannenhalle am Viktualienmarkt dazu, die ebenfalls diesem Bautypus entspricht, haben wir Münchens vierte Basilika, obgleich profaner Natur", witzelt Sailer.



Zudem wählte das Architekturbüro Oliver Trump aus München, zu dessen Portfolio unter anderem auch der Neubau des Marstall Festzelts auf dem Oktoberfest gehört, als Grundmaterial Beton, Glas und Stahl. Dies lässt den Neubau nicht nur nostalgisch, sondern funktional, klar und modern wirken.

Barrierefrei, gläsern - und nachhaltig


Von Anfang an wurde die neue Münchner Kindl Brauerei, deren Grundsteinlegung am 12. August 2022 stattfand, barrierefrei geplant. Ein gläserner Fahrstuhl verbindet die insgesamt vier Geschosse, in denen zwei davon unterirdisch verlaufen, miteinander. "Uns soll jeder besuchen können, egal ob mit Rollstuhl, oder ohne" sagt Sailer. Inklusion mitzudenken ist bewusst Teil des Gesamtkonzepts.



Dazu gehört auch die Idee der "Gläsernen Brauerei". Besucherinnen und Besucher werden künftig nicht nur die Möglichkeit haben, die Brauerei selbstständig zu jeder Tages- und Nachtzeit zu besichtigen, sondern auch alle Schritte des Brauprozesses Dank der unzähligen Glasfenster mitverfolgen können.


Schreibt Inklusion groß: Brauer und Bauherr Dieter Sailer.
Schreibt Inklusion groß: Brauer und Bauherr Dieter Sailer.

Ebenso wichtig wie Transparenz ist dem Bauherr Nachhaltigkeit: So wird das Gebäude nach dem sogenannten KfW-40-Standart realisiert, was höchste Energieeffizienz garantieren soll. Eine Photovoltaikanlage soll den Großteil des Strombedarfs abdecken, und die durch den Brauprozess gewonnene Energie in die Heizung eingespeist werden.


Die größte Herausforderung: Das Münchner Quellwasser

Zunächst hatte man beim Bau jedoch eine ganz entscheidende Hürde zu nehmen: Denn eine echte Münchner Brauerei muss nicht nur innerhalb der Münchner Stadtgrenze ansässig sein, sondern auch echtes Münchner Quellwasser zum Brauen nutzen. An das Wasser heranzukommen war jedoch nicht leicht. Man musste tief bohren. Sehr, sehr tief.

Nun misst der Tiefbrunnen stolze 234 Meter - und macht die Münchner Kindl Brauerei damit "zur kleinsten Brauerei der Stadt, mit der längsten Wasserleitung" wie Sailer schmunzelnd kommentiert.


Bis zuletzt hatte man um die tatsächlich Erschließung des Wassers gebangt; eine emotionale Achterbahnfahrt für das Bauteam. Deshalb markiert nun ein Kruzifix symbolisch die Stelle, die die Brauerei mit dem Münchner Quellwasser verbindet. Hier sollen später einmal Besucher eigenhändig frisches Münchner Grundwasser zapfen und mit nach Hause nehmen können. Ein beindruckendes Denkmal für den Kampf um die wichtigste Zutat des Bieres. Und für Sailer "unser Allerheiligstes".



Noch ist die Christusfigur mit einem Tuch bedeckt, um ihn vor Staub zu schützen. Unten sieht man die Stelle, an der einmal ein Zapfhahn angeschlossen sein wird - damit sich die Besucher frisches Münchner Quellwasser mit nach Hause nehmen können.
Noch ist die Christusfigur mit einem Tuch bedeckt, um ihn vor Staub zu schützen. Unten sieht man die Stelle, an der einmal ein Zapfhahn angeschlossen sein wird - damit sich die Besucher frisches Münchner Quellwasser mit nach Hause nehmen können.

Die Brautradition? Keine Kompromisse!


Von Außen erst einmal gar nicht zu erwarten und für Besucher eine echte Überraschung: Der Großteil der Produktion verläuft komplett unterirdisch. Und das sogar verteilt auf mehreren Ebenen.

Das ist nicht nur platzsparend, sondern vor allem temperaturstabil. Ganz im Sinne der traditionell in den Hang gebauten Lagerkeller.


Zwei große Holzfässer, jeweils mit 4.300 Liter Fassungsvermögen, wurden bereits in so einem originalgetreuen Lagerkeller positioniert. Die Bierfässer sind aus Echtholz, für deren Herstellung extra eine Spezialfirma aus dem Raum Würzburg herangezogen wurde.



Überhaupt spielt Holz für Sailer eine ganz wichtige Rolle. Ausgeliefert werden soll das Bier nämlich ebenfalls in echten Holzfässern, und zwar original mit Pferdegespann. Für die Herstellung der kleineren Bierfässer konnte ein Münchner Original gewonnen werden: die Fassfabrik Schmidt, die einzige Firma, die in München überhaupt noch Fässer herstellt (vielen bekannt durch den Schäfflertanz).


Gebraut wird ausschließlich untergäriges Bier: Helles und Dunkles. Weißbier und alkoholfreies Bier wird es nicht geben. Auch das ist eine bewusste Rückbesinnung: "Die Münchner Kindl Brauerei war historisch immer für ihre untergärigen Biere bekannt. Da machen wir keine Kompromisse" sagt Sailer.


Neben dem Ausliefern durch traditionelle Pferdegespanne wird es das Bier selbstverständlich auch in Flaschen zu kaufen geben. Die Flaschenabfüllung wird jedoch extern geschehen.


Ein Highlight: Der Blick in den Pferdestall


Das Gesamtkonzept geht jedoch weit über das Brauen hinaus. Neben der "Gläsernen Brauerei" soll es einen großen Gastraum, eine Getränkemarkt und einen Biergarten geben.


Ein echtes Highlight erwartet die Besucher beim Betreten des Gastraums: Von dort aus wird man direkt in den Pferdestall blicken können. Auch sollen regelmäßig Führungen durch die Brauerei stattfinden, zudem können die Besucher die Brauerei auf eigene Faust anhand von QR Codes erkunden. "Das Ganze soll an mehreren Stationen stattfinden, man fängt quasi im Verkaufsraum mit der ersten Station an, scannt dort mit dem Mobiltelefon einen Code, und kann sich dann durch die Brauerei weiter durcharbeiten." Ebenso sollen im sogenannten "Klassenzimmer" Workshops angeboten werden, etwa zur Bierherstellung, aber auch zu Kulinarik oder anderen thematisch passenden Themen.


Der Blick in die große Halle. Sailer plant, bereits im Sommer 2027 das erste Bier brauen zu können.
Der Blick in die große Halle. Sailer plant, bereits im Sommer 2027 das erste Bier brauen zu können.

Ein echtes Pferdegespann - hier exemplarisch ausgestellt - soll einmal das Münchner Kindl Bier an die Wirtshäuser ausliefern.
Ein echtes Pferdegespann - hier exemplarisch ausgestellt - soll einmal das Münchner Kindl Bier an die Wirtshäuser ausliefern.

Eröffnung bereits 2027 geplant


Zu den Kosten des Bauprojekts hält sich Sailer bedeckt: "Das kann man erstens noch nicht genau sagen, wieviel es am Ende wird. Und zweitens werden Sie den Kopf schütteln, wenn man bedenkt, wie die Rendite am Ende im Vergleich sein wird" sagt er schmunzelnd. Hier spürt man: die Brauerei ist sein Baby, ein echtes Liebhaber-Projekt, indem Sailer seine persönliche Vision einer familiengeführten Münchner Brauerei mit Herz und Verstand verwirklichen möchte.


Auf die Frage, wann das erste Bier gebraut und über den Tresen des Gastraums gehen wird, antwortet er sofort: "In einem Jahr sind wir soweit." Bis dahin muss man sich gedulden - die Vorfreude wächst jedenfalls Tag für Tag.




Während einer Führung durch die Baustelle hatte ich die große Ehre, einen exklusiven Blick in den Neubau der Brauerei werfen zu dürfen.
Während einer Führung durch die Baustelle hatte ich die große Ehre, einen exklusiven Blick in den Neubau der Brauerei werfen zu dürfen.

Die Geschichte der Münchner Kindl Brauerei


Die „Brauerei zum Münchner Kindl“ wurde im Jahr 1880 in Haidhausen am Rosenheimer Berg gegründet. Man wählte diese Lage, da man so die Bierkeller in den Berg hineinbauen konnte und das Bier kalt blieb.  100 Jahre später wurde der Münchner Kindl Keller abgerissen und durch das Einkaufszentrum Motorama ersetzt. Dietrich Sailer baut die Münchner Kindl Brauerei nun mit seinen Söhnen Leo und Luis - Bierbrauer in 6. Generation - wieder auf. (Quelle: Münchner Kindl Brauerei) Die Namensrechte hält Sailer seit 2015. Im Jahr 2020 stellt Haderner Bräu einen Doppelbock im Auftrag der Münchner Kindl Brauerei her - der erste Sud seit 115 Jahren.


Mehr Informationen auf der Website der Münchner Kindl Brauerei.


Wissenswertes zur den Münchner Brauereien


München ist bislang bekannt für seine „großen Sechs“ Brauereien:


  • Augustiner-Bräu

  • Hacker-Pschorr

  • Hofbräu München

  • Löwenbräu

  • Paulaner

  • Spatenbräu

mit Giesinger Bräu ist in den letzten Jahren bereits eine spannende Ergänzung hinzugekommen.

Die wiederbelebte Münchner Kindl Brauerei wird damit die achte Münchner Brauerei sein.

 
 
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